Fakten und Trugschlüsse rund um die temporäre Arbeit

Die Begriffe «Temporärarbeit» und «Gig Economy» sind oft negativ besetzt. Diese Begriffe rufen bei vielen Leuten Bilder von unwirtlichen Gegenden und mühsamen, eintönigen Aufgaben hervor. Auch wenn repetitive Jobs wie beispielsweise die Garderobenbetreuung ebenfalls zur temporären Arbeit zählen, sind diese nur ein Teilaspekt des Ganzen.

Temporärarbeit ist wohl das, was im Hinblick auf die Arbeit der Zukunft am ehesten missverstanden wird. Sie wird in den kommenden Jahren eine wichtige Rolle spielen. Das ist für dich schwer zu glauben? Dann schau dir mal kurz die Zahlen dazu an: eine Umfrage von swissstaffing zeigt, dass flexible Arbeit im Jahr 2017 eindrückliche 8,5 Milliarden Schweizerfranken Umsatz allein in der Schweiz generierte. Im Vergleich zum Vorjahr entspricht dies einem Anstieg an temporären Arbeitskräften von fast 15%. Die Anzahl der temporären Arbeitskräfte, die so viel wie Vollzeitbeschäftigte – also 42 Stunden pro Woche – arbeiten, betrug über 90‘000. Kurz gesagt: Temporärarbeit ist kein temporäres Phänomen.

Zwar stimmt es, dass viele Arbeitnehmer eine temporäre Anstellung suchen, um in den Arbeitsmarkt zu gelangen und dadurch eine Festanstellung zu finden. Zu oft haben wir aber eine gefährliche Meinung über diese Arbeitskräfte, ihre Herkunft, ihre Qualifikationen und ihre Ambitionen. Dies sind drei der häufigsten Falschannahmen zu temporärer Arbeit und temporären Arbeitskräften, die mit fundierten Fakten rasch entkräftet werden.

Mythos 1: Temporäre Arbeitskräfte sind nicht qualifiziert

Das Qualifikationsniveau der temporären Arbeitskräfte hat sich in den letzten Jahren stetig erhöht. In der Schweiz verfügt mehr als die Hälfte der temporären Arbeitskräfte über eine abgeschlossene Lehre und 12% sogar über einen Universitätsabschluss. Zudem gibt es Verbände wie temptraining, die finanzielle Unterstützung bieten und die Weiterbildung von temporären Arbeitskräften fördern.

Mythos 2: Temporäre Arbeitskräfte sind jung oder Studierende

Ein Blick auf die Ergebnisse einer grossangelegten Umfrage über flexibles Personal löst diesen Mythos schnell in Luft auf: Es gibt nicht den bestimmten Typ temporäre Arbeitskraft. In Bezug auf das Alter hat der Anteil der älteren Berufstätigen, die temporär angestellt sind, laufend zugenommen. So ist der Anteil der über 50-jährigen temporären Arbeitskräfte von 10% im Jahr 2006 auf 13% im Jahr 2014 gewachsen.

Ein Grund für diesen Anstieg der älteren Arbeitnehmer liegt wohl darin, dass sie gemerkt haben, dass sie auf diese Weise selbst bestimmen können, wie viel sie arbeiten wollen. In England ergab eine Umfrage der Wirtschaftskammer unter über 12‘000 Angestellten über 50, dass sich 78% der Befragten flexiblere Arbeitszeiten wünschen. Mit Temporär- oder Teilzeitarbeit ist dies möglich.

Mythos 3: Temporäre Arbeit ist der letzte Ausweg

Dies ist eine schädliche, aber weit verbreitete Annahme. Temporärarbeit wird oft als Übergangsphase für Arbeitnehmer angesehen. Sie kann aber durchaus auch eine langfristige Lösung sein. Als Grund für ihre Entscheidung, temporär zu arbeiten, gaben 45% der Befragten an, dass sie dies freiwillig täten, da es die beste Lösung für ihre gegenwärtigen Lebensumstände sei. Eine Studie von mehreren Professoren der Wharton School, der Universität von Pennsylvanien, zeigte, dass viele Leute, die in der Gig Economy tätig waren, dies nicht aus einer Notlage heraus taten, sondern um ihr Einkommen zu ergänzen. Zu Beginn ging es darum, über mehr Taschengeld für die Ferien zu verfügen, mit der Zeit erkannten sie aber, dass sie die Arbeit und die Flexibilität wirklich schätzten.

Da temporäre Arbeitskräfte weiterhin wichtige Akteure der Gig Economy sein werden – von der erwartet wird, sich bis 2025 zu einem US$ 2,7 Billionen schweren Wirtschaftszweig zu entwickeln – ist es unabdingbar, dass wir beginnen ein realistischeres Bild der wachsenden flexiblen berufstätigen Bevölkerung zu malen.


ÜBER DEN AUTOR
Viktor Calabrò ist Gründer und Executive Chairman von Coople. Er ist ebenfalls Mitautor des Buchs Flexible Workforce und wurde 2014 von Ernst & Young zum Schweizer Unternehmer des Jahres gekürt.