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Weihnachtsgeschichte: Ein Rucksack voller Träume

Kapitel 1:

Schon wieder Dezember und draussen fällt der erste Schnee. «Früher hat es immer schon Ende Oktober geschneit und ich hab mich darüber gefreut. Früher bin ich mit meinem Rucksack durch Südamerika gereist und hab mir eine spannende Zukunft ausgemalt», dachte Jerome beim Anblick der kleinen weissen Flöckchen, die vor dem Fenster herumtanzen. «Und jetzt?» Sein Rucksack stand leer zu Hause im Keller und seine Träume verstaubten mit ihm. Jerome löste sich vom Schneegestöber draussen und schaute wieder geradeaus. Gegenüber sass Sascha, sein Arbeitskollege. Seit sechs Jahren schon musste er fünf Tage die Woche in diese Visage schauen und immer, wenn er an Saschas Pult vorbei in die Küche ging, um zur Kaffeemaschine zu gelangen, roch es nach altem Brot. «Dieser Typ stinkt und ich kann ihn nicht leiden», gestand er sich ein. Als er vor sechs Jahren in dieser Bude als Grafiker angefangen hatte, dachte er, es sei nur für ein paar Jahre, bis er seine Studienschulden zurückbezahlt hätte. Nur hatte er das schon längst erledigt. Jetzt stotterte er mühsam die monatlichen Raten für seinen überdimensionalen Samsung-Flachbildschirm-TV ab. Dieses Monster stand in seinem Wohnzimmer und verschlang ihn Abend für Abend. Dann waren da natürlich auch noch das Auto und sein teures Handy. «Ich muss hier raus», dachte Jerome und stand auf. «Alter, holst du Kaffee?», fragte Sascha. Jerome hielt die Luft an und ging ohne ein Wort an Saschas Pult vorbei. Erst kurz vor dem Ausgang atmete er zaghaft wieder ein. «Kein Gestank nach altem Brot», dachte er erleichtert, stiess die Tür auf und sog gierig die frische Winterluft in seine Lungen. «Mein Leben ist beschissen», schoss es ihm durch den Kopf. Dann öffnete er seinen Mund und legte den Kopf in den Nacken, um die Schneeflocken aufzufangen und sie langsam in seinem Rachen zergehen zu lassen.

 

Kapitel 2:

Julie schaute auf die Uhr. Perfekt, noch 20 Minuten bis zum Beginn des Einsatzes und sie war praktisch schon an ihrem heutigen Arbeitsort angekommen. «Dann kann ich ja locker noch eine rauchen», dachte sie und kramte in ihrer dicken Kunstpelzjacke nach einer Kippe. Sie blieb stehen, um die Flamme vor den Schneeflocken zu schützen, aber das kleine Mistding warf nicht einen Funken mehr. «Scheisse», fluchte sie und blickte suchend umher. Da sah sie diesen Typen vor dem Bürogebäude stehen. Er hatte seinen Mund geöffnet gen Himmel gerichtet und ass Schneeflocken. «Der ist ja schräg», schmunzelte sie, «naja, hoffentlich hat er ein Feuerzeug, das funktioniert». Sie ging auf ihn zu: «Sorry, hast du vielleicht Feuer?» Jerome zuckte zusammen, er hatte sie nicht bemerkt und es war ihm ziemlich peinlich, wie er so da stand mit seinem aufgerissenen Mund. Erst jetzt bemerkte er, dass er ohne Jacke draussen im Schnee stand. «Sorry, hab meine Jacke drinnen gelassen», murmelte er, drehte sich um und ging in Richtung Eingang. Julie folgte ihm, schliesslich konnte sie genauso gut auch hineingehen, wenn sie ihre Zigarette schon nicht zum Brennen brachte. Jerome bemerkte, dass die Pelzkugel ihm folgte und wendete sich ihr halb zu: «Suchst du was?» «Ja, Feuer», gab Julie zurück und hoffte, dass dieser frustrierte Idiot ihren kleinen Scherz witzig finden würde. Jerome verzog keine Miene. «Ich arbeite diese Woche hier als Aushilfe im Kreativteam», erklärte sie schliesslich. «Ah, dann bist du also diese Cooplerin. Ich bin Grafiker hier. Schon seit sechs Jahren», sagte Jerome und versuchte seiner Stimme einen überlegenen Tonfall zu verleihen. «Cool», gab Julie leicht ironisch zurück und dachte bei sich: «sechs Jahre und wie’s scheint auch noch stolz darauf». Sie ging ohne ein weiteres Wort an ihm vorbei und betrat ihren Arbeitsplatz für diese Woche.

 

Fortsetzung folgt am kommenden Freitag, 15. Dezember 2017 an dieser Stelle.

 

Besinnliche Grüsse

Euer Coople Team

 

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